Sunshine Explosions
Ich sah sie von der Seite an. Sie sah wunderschön aus. Ihre braunen Haare wehten im Fensterwind.
„Warum hast du noch einen eingepfiffen?“ C. schüttelte den Kopf
„Darum!“ „Haste noch einen für mich?“ schob W. seinen breiten lockigen Kopf vom Hintersitz zu mir rüber.
„Ja…..“
Hannelore hob ihren Arm hoch. Ich roch sie. Ihre leichtes Kleid wurde vom Fahrtwind immer wieder durcheinandergewirbelt. Hinter ihrem Kopf strahlte die rote aufgehende Sonne, die mit Hannes Kopfaura und ihren wehenden braunen Haaren interferierte. Diverse Klänge schossen durch meinen Kopf.
„Ihr seid verrückt…..das sind Sunshine Explosions….pure Hoffmänner……und wir sind schon seit drei Tagen drauf!“ C. drehte sich dabei um und schaute durch das Rückfenster auf die nachfolgenden mit geklauten Blumen verzierten R6, VW´s, 2-CV´s, Benze, Badewannentaunusé. Ich bemerkte schon seit längerem eine weitere Sicht der Dinge. Mein Nacken kribbelte und ich zuckte den Kopf zurecht. Wir kamen von der Kreyenbrückerstraße an die Ampel zur Umgehungsstraße. Rot.
Es war Rot, so Rot. .lot…lot … lot mir fiel dies whiskygeschwängerte Gesicht des Sheriffs in R.A.Wilson´s Roman ein. Hannelores Körper wippte beim Bremsen. Ich sah ihre Gedanken.
„Eihh. Bremms nicht so scharf. Der Hubert wäre beinahe draufgefahren….“ C. wurde nervös.
Ihr Fleisch…..sie war so rein…. so pur…… voller lebensbejahenden Bluts……sie ist nur Dekorateurin…. ….sie ist Dekorateurin …….sie ist nicht…. sie ist….weg mit den Bewertungen…weg …weit weg damit….
„Es ist grün…..“ Irgendjemand in der Ferne sprach mit mir. „Es ist grün…grüner ….Ich schob den ersten Gang rein und fuhr die Auffahrt hoch. Die Autokolonne folgte.
Ich sah auf die Schleusenwiesen, die milchig vor uns lagen.
Die Sonne bohrte ihre rote Kraft durch die Nebelflächen und ließ die ganze Landschaft in eine lila-rosa Spielzeugwelt versinken. Die roten Dächer thronten über dem Nebel. Dudelsack und Orgelgeräusche. Ein Motorflugzeug durchpflückte den Himmel.
„Fahr hinter die Schleuse….aber langsam….“ zitterte C. von hinten.
Hannelores Augen scannten mich ab……
Ihr großer Schmollmund …rot und voller Unschuld…… welche Schuld?
Ihr Körper pulsierte im Takt der Sonne. Ihre weißes Fleisch war durchzogen von wirbelndem Blut.
Ich hielt den Wagen an, lehnte mich nach hinten und holte Luft. Sehr tiefe Morgenluft. Purer Sauerstoff durchdrang die Lungen … meine Lungen?… alle Lungen…..
Ich stieg aus und wurde zur Wiese gegangen. Meine Gedanken flogen in die Wolken. Ein stahlblauer Himmel zog alle in ihren Bann. Die anderen hatten sich auf der Wiese verteilt.
„…..C. …..schau mal …“ ich drehte mich hilflos zu C. „..da …da schau ….das Einhorn…“ ich verwies mit dem Zeigefinger auf die Wolken.
C. schaute mich ungläubig an.
Wahnsinn ……ich sehe zum ersten Mal im Leben ein Einhorn……..in den Wolken… so deutlich….das müssen alle sehen. Ich drehte mich um und rief es den anderen zu
„Da …..seht mal …….ein Einhorn…….und dahinter ein Elefant…. ….die Wiese schwingt….“
„John… gib mal den Autoschlüssel her… es ist besser, wenn ich nachher weiterfahre….“ C. wollte Logik. Er kriegte sie.
Er nahm den Autoschlüssel aus meiner Hand – er sah meine Hand – ich wußte, daß sie da war. Ich war da. Das war sicher. Nicht was mich sonst ausmachte, konnte ich wiedererkennen.
Hannelore mußte sich neben mich gestellt haben. Ihre Schwingungen durchdrangen mich …….
Das Einhorn zog in Ruhe in den Wolken weiter. Ruhige Klänge drangen in mein Ohr.
Ich zog mein T-shirt aus und betrachtete meinen Arme. Sie waren nicht da. Das Blut in meinen Adern floß ruhig in sich zirkulierend weiter,
mittendrin in meinen Armen die Wiese, die mich aufzusaugen schien.
Hannelore // 1970

